"Pforzheimer Zeitung", 24.11.1993, S. 6

"Der erste Diener des Bildes"
Nils Pooker – freischaffender Kunst-Kopist in Pforzheim
Von Ulrike Bäuerlein

Eigentlich wollte er ja Kunst studieren. Daraus wurde nichts. Nach einer dreieinhalbjährigen Praktikumszeit als Restaurator stellte Nils Pooker fest, daß auch das nichts für ihn ist und zog 1992 nach Pforzheim, um an der FHW Werbewirtschaft zu studieren. Doch seit Anfang 1993 weiß er, welche Profession auf dieser Welt für ihn gemacht ist: die des Kopisten. Der 28jährige Nils Pooker bezeichnet sich als derzeit Pforzheims einziger freischaffender "nur" Kunst-Kopist. Von dieser fast ausgestorbenen Gattung, so schätzt Pooker, gibt es in Deutschland vielleicht noch knapp 20 Exemplare. Auf den Geschmack gekommen ist der aus Kiel stammende Pooker während seines Restauratoren-Praktikums in Bonn und Detmold – um den Lebensunterhalt aufzubessern, fertigte er dort auf Auftrag Kopien von Gemälden an. Entscheidend für ihn war schließlich ein Erbschaftsstreit: Nach dem Tod ihrer Mutter wollten beide Töchter das Ölportrait der Verstorbenen. Pooker half: Er fertigte eine täuschend ähnliche Kopie, der Streit war beigelegt. "Hier bescheinigte mir meine Ausbilderin, daß ich Talent für das Kopieren habe, und sie riet mir, weiterzumachen", so Pooker. Durch Malerei von Kindesbeinen an und das Know-how des Gemälderestaurators über Farb- und Bilderstrukturen fühlt sich Pooker fit und kopierfähig in allen Stilrichtungen – solange es sich um Ölgemälde handelt und die Werke frühestens aus dem 17. Jahrhundert stammen. "Ich mache alles in allen möglichen Maltechniken, was in irgendeinem Format als Vorlage vorliegt – aber Tusche und Aquarell kann man fast nicht kopieren." Ein Kopist, so weiß der junge Mann, lebt meist von Mund-zu-Mund-Propaganda. Um seinem Erfolg in der Goldstadt ein wenig auf die Sprünge zu helfen, verschickte er Briefe an 300 Pforzheimer Unternehmen, in denen er seine Dienste anbot – eine Kopie eines van Goghs oder Monets in Öl und Originalgröße, so dachte er sich, würde sich in repräsentativen Firmenräumen gut machen. Und tatsächlich fanden sich vier Auftraggeber. Nach einem abstrakten Bild frei nach Hann Trier und der Kopie von Franz von Defreggers "Brautwerbung" hat Pooker gerade den bislang größten Auftrag seiner jungen Kopistenlaufbahn fertiggestellt: Die "Ansicht von Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke", ein Ölgemälde von "Canaletto" Bernardo Bellotto aus dem Jahre 1748 im Format 133 mal 237 Zentimeter. 530 Stunden Arbeit hat Pooker in diese Auftragsarbeit eines Pforzheimer Architekten investiert, nicht eingeschlossen die Zeit, die er zum Studium des Originals in der Galerie des Dresdener Zwingers und über Fachbüchern zu Bellottos Maltechnik verbrachte. In Ermangelung eines Originals beim Kopiervorgang arbeitet Pooker hier mit einer Rasterfolie, die von einer großformatigen Reproduktion abgenommen und auf die Leinwand übertragen wird. Schicht für Schicht entsteht dann das gewünschte Gemälde neu. "Natürlich immer mit kleinen Fehlern", so Pooker, "das läßt sich vor allem beim Farbton und bei Details nicht vermeiden." Je schneller das Original einst von seinem Maler gefertigt wurde, desto größer ist für den Kopisten die Fehlerquelle. "Einen offensichtlich schnellen Strich muß auch ich als schnellen Strich ausführen – das im Detail vorzuzeichnen, würde das Ergebnis völlig verfälschen", sagt Pooker zu den Problemen seiner Arbeit. "Ich will versuchen, das gleiche Bild auch noch großen Firmen in Dresden anzubieten, ich würde es jederzeit nochmal machen", erläutert der Kopist seine Pläne. Ein Miró, ein Magritte und ein Portrait stehen bereits auf der Auftragsliste. Und damit ja auch nicht der Verdacht einer "echten" Fälschung aufkommt, sollte eine Kopie von ihm einmal aus dritter Hand auf dem Markt landen, baut Pooker – neben seiner Autorensignatur – auch in seine Werke an für das bloße Auge unsichtbaren Stellen mehrmals das Wort "Kopie" ein. Besonders reizen würde ihn in nächster Zeit einmal ein Rembrandt oder Rubens. "Das ist schon von den Materialien her eine sehr viel anspruchsvollere Aufgabe." Ganz im Gegensatz zu etlichen großen Kopisten, die sich auch selbst als Maler versuchten, hat Nils Pooker in künstlerischer Hinsicht keine Ambitionen. "Ich bin kein gescheiterter Maler und verstehe mich auch nicht als Künstler, eher als Dienstleistungsunternehmer zwischen kaufmännischer Kalkulation und kreativer Ausführung", so sein Credo. "Mit eigenem künstlerischem Anspruch ist es viel schwerer, zu arbeiten." Das habe er in seiner Zeit als Restaurator-Praktikant gelernt. "Ich bin der erste Diener des Bildes und darf keinen eigenen Eindruck mit einbringen – sondern es nur so ähnlich wie möglich wiedergeben."

Nils Pooker Artservice, www.pookerart.de, Tel. 04342/ 79 88 92, Fax. 04342/ 79 88 93